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Mitteldeutsche Autorinnen


Rezensionen (AV)

„Blauer Garten“ Anthologie zum 3. ALFA-Wettbewerb

Rezension von Sylvia Tornau

Anthos bedeutet im Griechischen „Blüte“. Eine Anthologie ist nach Meyers Lexikon die Blütenlese, eine Sammlung thematisch ausgewählter Gedichte, Sprüche und kurzer Prosastücke. Die Blüten dieser Anthologie sind allesamt blau. Ich stelle mir beim Lesen eine Kette vor, eine Kette mit blauen Blüten aus unterschiedlichen Materialien. Da finden sich Plastikblüten, neben Holzblumen, Schaumkorallen und Türkise neben Achat und Sodalith. Eine Kette, nicht nach jedermanns Geschmack in der Aneinanderreihung von Formen und Materialien unterschiedlicher Bearbeitungsstände. Da finden sich eine Menge grobe Skizzen und erste Entwürfe neben einigen wundervollen Arbeiten. Fein ziselierte Gold- und Silberschmiedearbeit in edlem Material. Eine Tansamitrose, ein Turmalinbrunnen und ein Saphirfrosch neben einer Blautopas-Gartenbank. Wegen dieser edlen Arbeiten landet die Kette nicht in der Spieltruhe meines zweijährigen Patenkindes, sondern findet ihren Platz in meinem Schmuckkästchen. Bei den nicht ganz fertig gearbeiteten Blüten, oder wieder im Klartext, bei den Geschichten, die aus meiner Sicht nicht oder nicht gut gelungen sind, die sich teilweise sehr anstrengend lesen, denen es teilweise an Spannung, Konzentration und einigen sogar an Handlung fehlt, fällt vor allem eines auf: Häufig sind es gerade die letzten Sätze, die das Wenige, was an diesen Texten ansprechend war, zunichte machten. Um es ganz deutlich zu sagen, mir grauselte bei einigen Geschichten richtiggehend davor, den letzten Satz zu lesen. Bei vielen dieser Geschichten hätte ich mir gewünscht, dass die AutorInnen noch ein zweites, fünftes, ja vielleicht sogar zwanzigstes Mal über ihren Text gehen und ihn verfeinern.
Was dieses Buch so überaus kostbar macht, sind die Kleinode, die sich darin finden. Egal, ob es sich um den „Seegartenmord“ von Monika Dieck, die Gewinnergeschichte „Eiskalt“ von Jennifer Lynn Erelmeier, den „Gartenzauber“ von Utta Kaiser-Plessow oder „Robinson“ von Cornelia Koepsell, „Eine kurze Reise“ von Georg.e.R. HAaRDT oder „Alice hinter der Mauer“ von Britta Martens handelt, diese Geschichten zeichnen sich aus durch Spannung, Witz, überraschende Wendungen, Handlung und nicht zuletzt durch eine zur jeweiligen Geschichte passende Sprache.
Meine drei Favoriten dieser Blütensammlung allerdings sind „Blaues Wunder“ von Regina Schleheck, „Ein Garten voller Fische“ von Johanne Jakobian und „Blauer Himmel“ von Irmgard Manno-Kortz. In allen drei Geschichten erhält die Farbe blau eher Kulissencharakter. Die Geschichten erzählen von Menschen und Schicksalen, von Handlungsentscheidungen. Sie erzählen von Vorwärtsbewegung ins Leben, wo andere sich enttäuscht zurückziehen würden (R. Schleheck),  von Rückzug aus dem Leben in die eigene, überschaubare und sich trotz allem wandelnde eigene Welt (Jakobian) oder sie erzählen von der ersten Begegnung mit Schwester Tod in Gestalt des eigenen kindlichen Selbst, welche die Angst vor der endgültigen Begegnung ad absurdum führt (Manno-Kortz). Diese drei Meisterinnen des geschriebenen Wortes haben etwas zu sagen und sie sagen es auf eine Weise, die gefangen nimmt, in ihre Geschichten reinzieht und fesselt. Diese Blüten der blauen Blütenlese, die weder belehren, noch der Leserin das Denken abnehmen und für Überraschung sorgen, sprechen sowohl Herz, Verstand und Poesieempfinden an, fordern heraus, umschmeicheln. Unbedingt lesenswert!

„Blauer Garten“ Anthologie zum 3. ALFA-Wettbewerb, edition AlFA, 9,90 €

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