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Rezensionen (AV)

Bille Haag: „Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam“

Rezension von Sylvia Tornau                                                                                                                                                                                     von Einem der auszog um davonzufahren

In Bille Haags Erstling „Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam“ dreht sich alles um den Protagonisten Alfred Zarteck. Ein Fünfzigjähriger der das Image des Steppenwolfs, des Easy Rider pflegt, einer der verstanden, entdeckt werden will. Der keine Freunde hat, weil er die Menschen in seinem Umfeld benutzt für seine Stimmungen, seine Ideen, zum Auffüllen seiner Leerläufe. So wie Uta und Klaus, die ihm immer zur Verfügung stehen, ihm Obdach gewähren, wenn er sich wieder einmal verlaufen hat im eigenen Leben, im Schmollen, im sich Ungerecht-Behandelt-Fühlen. Denen es nur unter größter Kraftanstrengung gelingt, ihm ein kleines Nein entgegenzusetzen. In der Rahmenhandlung lädt besagter Alfred Zarteck ein zu seinem Lebensmittefest, sein fünfzigster Geburtstag. Er will ihn inszenieren inmitten der Berglandschaft von Südfrankreich, mitten in den Cevennen. Geladen hat er alle, die seine Lebenskreise berührten. Es erwartet die Geladenen eine Feier mit großer Mahlzeit, liebevoll arrangiert, mit köstlichen Weinen und mit 14 Lebensbildern des Alfred Zarteck. Alles von der Mutter ausgesuchte Dias, die Zarteck so zeigen, wie er sich selbst gern sieht: nicht lachend, nicht einmal lächelnd, sondern kraftstrotzend, den Widrigkeiten des Lebens trotzend. Alfred der Kämpfer. Alfred der Held, der Outdoormann. Alfred Zarteck, der Mann von A bis Z, der Mann hinter der Maske, bisher unentdeckt, weil keine seiner Verflossenen sich die Mühe machte hinter die Maske zu sehen. Ihnen allen will er zu seinem Fest den wahren Alfred präsentieren, den Mann hinter der Maske, so kämpferisch und stolz wie die Maske selbst.                                                                                                                                             Alfred der Radfahrer. Seine Gäste überlässt er dem freundlichen Empfang der Wirtsleute. Noch vor Eintreffen der ersten Gäste macht er sich auf den Weg. Hoch auf den Berg, keine Anstrengung scheuend, um sich dann, im Finale, als strahlender Sieger, als Bergbezwinger von den auf ihn Wartenden zu präsentieren. Jubeln sollen sie und Trauer empfinden darüber, dass sie ihn haben ziehen lassen, einst, als ihre Lebenswege sich kreuzten. Doch wie der Gang des Lebens so ist, geht er eigene Wege, auch in Bille Haags Roman. Da mag der Abfahrer inszenieren was er will, das Leben holt ihn ein in Form von Erinnerungen, die er nur schlecht beeinflussen kann, die sich nicht zwingen lassen mit seinem Willen.                                                                                                                                                                                                           Alles in diesem Buch dreht sich um Alfred Zarteck, der kurz gesagt, ein rechter Kotzbrocken zu sein scheint. Einer dem man im wirklichen Leben den Rücken zudrehte. Einer den man beim Lesen des Buches nicht aus den Augen verliert. Alfred drängt sich auf, zieht einen hinein in diesen Strom selbstgerechter Lebensrückschau. Einer, dem es zu gelingt, jegliche Verantwortung für eigenes Sein, eigenes Versagen von sich zu schieben. Fast mit Genugtuung liest die Leserin, wie ihn die Erinnerungen verfolgen, wie sie plötzlich auftauchen, aus dem Nichts, aus der Anstrengung seiner Fahrradbeine hinauf ins Gehirn schießen, ihm den Blick trüben für die südfranzösische Berglandschaft. Wie er sich anstrengen muss, um diesen Erinnerungen davon zu fahren und wie sie ihn doch einholen.
Mit diesem Roman ist Bille Haag ein kleines Meisterwerk gelungen. Nicht gefällig, keineswegs, dazu ist der Alfred den sie da schreibt zu unangenehm, zu selbstgefällig, fast widerwärtig. Das Meisterstück, welches der Autorin gelang ist, das sie es schafft, die Balance zu halten. Sie fällt ihrem Protagonisten nicht in den Rücken, stellt ihn nicht bloß. Es gelingt ihr, die Balance zwischen Abscheu und Mitleid und Verständnis zu erzeugen. Mitleid mit einem Menschen, der sich nie der eigenen Lebenswirklichkeit gestellt hat, Verständnis für einen, dessen Leben so prall und doch so jämmerlich wirkt, dass die Leserin ihm folgen muss, voller Spannung auf das, was da noch kommt.
Neben Wortwitz und der bezaubernden Haagschen Sprechart, ist dies das wahrhaft Meisterhafte an diesem Roman, dass er einen Sog hat und den Finger auf Wunden legt, die wir wohl alle haben – diese Sucht nach Anerkennung, nach entdeckt werden, nach Liebe. Das Bille Haag uns hier eine Figur entgegenstellt, von der wir uns als Leser vehement distanzieren können und die zugleich so einen unangenehmen Nachhall erzeugt, fast wie Zahnschmerzen. Denn die Konfrontation mit der Meisterschaft des Alfred Zarteck im Schuldzuweisen und sich selbst aufs Podest heben konfrontiert gleichzeitig die Lesenden mit den eigenen Versuchen, sich die Welt und das Leben zurecht zu denken, träumen. Fast dankbar las ich den Kommentar auf der letzten Seite: „Der vorliegende Roman ist ein Werk der Phantasie. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen oder Gegebenheiten wäre zufällig.“ – Obwohl, ein Zweifel bleibt. Es gibt so viele Alfreds, auch in mir, der Leserin.
Unbedingt lesenswert!

„Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam“ Bille Haag, assoverlag, 16,90 €

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