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Mitteldeutsche Autorinnen


Rezensionen (AV)

„Der zugang ist gelegt – gedichte & fließtexte“ von Bärbel Klässner

rezensiert von Sylvia Tornau

Der Titel „Der zugang ist gelegt“ von Bärbel Klässner ließe sich auch übersetzen als ein Willkommen im Leben. Das hier beschriebene Leben ist mal bunt, mal grau, mal blau, violett, türkis, blutrot. Mal ist es neblig, mal macht es Pickel. Vor allem macht es nicht halt. Vor keinem Thema scheut diese wortzersetzende, fabulierwütige Autorin zurück. Mal mit Humor und mal mit Wehmut, aber immer mit der lustvollen Wortgewalt einer Vollblutlyrikerin zwingt Bärbel Klässner die LeserInnen ihr zu folgen. Augenzwinkernd und mit Worten prügelnd lockt sie uns ins fette Leben. Ohne Scheu verkleinert sie „Europa“ auf Weimar und das Ruhrgebiet („Europa“) und beschreibt im Kleinen die Fallen der großen Politik. Ganz ohne Augenwischerei. Schamlos pinkelt sie in Marktlücken („Über die armutsgrenze) und lässt bei einem „Ausfall ins land“ die Landmenschen trinken
„…wie die kutscher wie
überlebte
eben trinken.“

Die Autorin Bärbel Klässner wandelt im wahren Leben wie in ihren Texten auf den Seitenstraßen der Wahrnehmung. Sie ist eine Grenzgängerin, die Grenzen nicht akzeptiert. Die 1960 in Magdeburg (DDR) Geborene, zog 2003 von Weimar nach Essen.
Die Autorin ist Weltenbürgerin und Liebende, ist eine Vermittlerin zwischen Ost und West. Sie bricht noch immer mit ihren Texten Löcher in Mauern, wo doch längst keine Mauern mehr sichtbar sind. Ihre Texte sind so einfühlsam und sensibel, wie sie frech und humorvoll und so zerstörerisch wie sie schöpferisch sind. Zerstörerisch, weil sie eingefahrene Denk- und Sprachmuster sprengen. Schöpferisch, weil sie aus den Resten, den Splittern und Sammelstücken Neues erstehen lässt. Beispielhaft hierfür ein Zitat aus dem Text „Frauen schreiben/nicht/anders…“

„…ich bin das von drei kritikern in nadelanzug in der luft zerrissene debütgedicht ich selbst bin natürlich das lyrische ich dass Sie das bitte nicht verwechseln ich rufe niemals an ich bin das aus dem brockhaus gefallene gepresste verblasste mauerblümchen aufgewachsen neben dem arkordeon am knochenpark unter der fuchtel von zwanzig geboten eingerattert ins salatgeräusch ich bin nicht bei trost vermeiden Sie mich ob lyrisch prosaisch oder archaisch ich kollabiere gewöhnlich um die abendzeit zwischen wetterbericht und vertagungsthema meine synapsen sind blinklichter im datenverkehr sie regeln den stau zwischen abbild und abbild Sie wollen doch nicht wirklich irgendwas erkennen?“

Bärbel Klässner (ver)führt uns mit ihrem neuen Lyrikband in eine Welt, die auch die unsere ist. Doch die Welt der Autorin ist geprägt von ihren Beobachtungen und von ihrer Lust „…die Sprache durch mich selbst [zu] ersetzen“ („Worte meine ersten lieben“).
Dieses „Selbst“ zu lesen ist ein Hochgenuss für alle Wortbalancierer und Sprachfetichisten. Es ist die reine, ursprüngliche Poesie und nicht zuletzt deswegen lädt sie die geneigte Leserin ein zu atemraubenden lauten Gelächter.

Die Lyrik der Bärbel Klässner ist erfrischend anders, auch oder gerade weil es Lyrik vom Feinsten ist. Unbedingt Lesenswert!

Bärbel Klässner  „Der zugang ist gelegt“ gedichte & fließtexte. ERATA Literaturverlag, Leipzig 2008, Euro: 13,95.

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