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Rezensionen (AV)

Ina Dentler: „Im Schatten der Schwester“

Rezension von Sylvia Tornau                                                                                                                                                                                Ich bin Dein Vergissmeinnicht

In Ina Dentlers Roman „Im Schatten der Schwester“ scheint sich auf den ersten Blick alles um Berti, die Schwester der Protagonistin Ellen, zu drehen. Berti, die sich aus dem Leben schlich, geliebt als Kind von Schwester und Eltern, sich dem Leben verweigerte, dem sie sich durch Magersucht entzog. Eine Sucht, die unerkannt und verschwiegen unweigerlich mit dem Tod endete.  Berti, die im Leben der Schwester immer wieder als Schatten auftaucht. Ein Vergissmeinnicht. Eingebettet in das über dem Roman liegende Thema, die Magersucht der Schwester, liegen für die Überlebende Ellen Fragen nach den Ursachen, Schuld, vielleicht sogar eigenes Versäumen. Für Berti war Sucht die scheinbar einzige Möglichkeit dem Leben Individualität und Seinsbewusstsein abzuringen. Für Ellen wiederum wird im Verlauf der Romanhandlung die Beschäftigung mit dem Leben und Sterben der Schwester zu einer Manie, durch die sie sich, wenn auch widerwillig, mit den eigenen Lebensthemen konfrontiert sieht: der eigenen Unfähigkeit sich auf befruchtende, nährende Beziehungen einlassen zu können und der Unfähigkeit, sich für ein Leben als Künstlerin zu entscheiden.
Ellen lebt zusammen mit Inka, einer zehn Jahre jüngeren Keramikkünstlerin, in einer WG. Ihr Alltag zersplittert sich zwischen Lehramt und Werbeaufträgen auf der einen Seite und der heimlichen Liebe zur Malerei auf der anderen Seite. Obwohl sie Kunst studierte, traut sie den eigenen Fähigkeiten nicht und begnügt sich damit, sehr zum Gram ihres ehemaligen Kunstprofessors, eine Freizeitkünstlerin zu sein.                                                                                            Hannes, der geliebte Egomane, verschrobener Kunsthistoriker lebt in seiner eigenen Welt, weit entfernt von Ellens Leben. Sie scheint nicht mehr als ein Zubehör seines Lebens zu sein. Wie alles im Leben braucht auch Ellen Zeit und vor allem die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und der Vergangenheit der Schwester, bis es ihr gelingt, ihrem Leben und ihrem Lieben die für sie wichtige Wendung zu geben. Die Frage nach der Richtigkeit dieser Entscheidungen stellt sich nicht, da deren Beantwortung nichts weiter als die Illusion von Sicherheit vermittelt. Eine trügerische Sicherheit, die ja gerade dazu geführt hat, Träume zu träumen und nicht für die eigene Leidenschaft Einzustehen.
Ina Dentler lässt uns in diesem Roman teilhaben an der Suche einer Frau in der Lebensmitte und an deren langem Weg zur Entscheidungsfindung. Die Würfel des Lebens fallen neu und langsam und ihr Aufprall auf dem Grund des Selbstseins ist spürbar hart. Dentlers Figuren und die Handlung sind gezeichnet von der Flüchtigkeit von Ellens Gedanken, ihren Erinnerungsbildern und den geschaffenen Selbstgewissheiten, die im Verlauf der Handlung zu bröckeln beginnen.

Ein Roman der verwirrt, mit seiner flüchtigen Sprache, seinen Gedankensprüngen und der irritierenden Nachzeichnung sich kreuzender Lebensspiralen von Ellen und Berti. Ein Roman, der nicht leicht zu lesen ist, da er die LeserInnen nicht an die Hand nimmt, sondern sprachlich immer wieder abgleitet und wechselt zwischen Ellens Gedanken, Bertis Tagebucheintragungen und der Handlung, in dem die Schauplätze der Handlung unvermittelt und mitunter nicht einfach nachvollziehbar wechseln. Gleichzeitig fasziniert er durch die Lebendigkeit der Freundschaft zwischen Ellen, Inka, Inkas Familie und dem dann doch obsessiven Einlassen von Ellen auf die auch schmerzhaften, einsamen und lebenprägenden Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend. Ein Roman, der Selbstgewissheiten in Frage stellt und der auch von den LeserInnen einiges abverlangt. Zum Beispiel Konzentration beim Lesen und ein Einlassen auf die verstörenden Schwingungen im Leben, die vor allem Frauen in der Lebensmitte zu treffen scheinen. Immer dann, wenn sie bereit sind, sich selbst zu begegnen oder wie in Ellens Fall, einen Anstoß von Außen erhalten.
Ein Buch das Mut macht, die bisher im Leben hinterlassenen eigenen Fußstapfen genauer zu betrachten. Ein Buch, das Mut macht, lang aufgeschobene Träume und Leidenschaften einmal näher anzusehen und eine Antwort für sich selbst zu finden: warum hindere ich mich selbst daran groß zu werden, präsent zu sein. Nicht gefällig, aber mit mir selbst im Frieden.

„Im Schatten der Schwester“ Ina Dentler, demand. 17 €

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