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Mitteldeutsche Autorinnen


Literatur

Elisabeth George: „Am Ende war die Tat“

Buchbesprechung von Sylvia Tornau

Eigentlich wollte ich diesen Roman nicht lesen, ich war zu beleidigt vom Tod der Helen Lynley im vorangegangenen Roman „Wo kein Zeuge ist“. Vor einem sorglos freien Wochenende kaufte ich schließlich ihn doch und las und las und konnte nicht aufhören. Um es gleich zu sagen: dieser neue Roman von Elisabeth George ist ihr bislang spannendster und zugleich hoffnungslosester Roman. Bei aller Abwehr im Vorfeld, während des Lesens störte es mich kein bißchen, das Chief Inspektor Lynley und seine engste Mitarbeiterin Barbara Havers in diesem Buch nur perifer eine Rolle spielten. Elisabeth George gelingt es eine Geschichte zu erzählen, die sich Wort für Wort so zugetragen haben könnte. Drei traumatisierte Kinder, deren Vertrauen – so sie denn überhaupt so etwas wie Vertrauen kennengelernt haben – durch Schicksalsschläge und Erwachsene erschüttert wird. Erwachsene, die selbst so bedürftig durchs Leben gehen, dass sie nicht in der Lage sind, diesen Kindern zu geben, was diese brauchen: Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit. Die Drei finden jeweils eigene Wege, sich in ihrem Leben zurechtzufinden. Hilflose, fürsorgende, vorsichtige und zerstörerische Wege schlagen sie ein.Die Erwachsenen, die mehr oder weniger zufällig mit diesen Kindern konfrontiert sind, quälen sich mit der Verwirklichung eigener Lebenspläne, mit der Befriedigung eigener Liebesbedürfnisse und versuchen gleichzeitig, der Verantwortung für diese Kinder gerecht zu werden. Dies ist zum Scheitern verurteilt. Einerseits, weil die Kinder nur hinnehmen, nicht aber vertrauen können. Andererseits, weil die Erwachsenen aus ihrem eigenen Leben heraus, mit jeweils eigenen Plänen und Bedürfnissen, mit diesen unterschiedlich bedürftigen, unterschiedlich verstörten Kindern konfrontiert und überfordert sind. Was liegt da näher, wenn nicht der Weg des geringsten Widerstandes: nichts sehen, nichts hören und nur im unübersehbaren Katastrophenfall reagieren. Das heißt, sich mit den einfachsten Erklärungen ablenken lassen und vor befremdlichen Ereignissen und irritierenden Verhalten die Augen zu verschließen, so lange dies eben geht. Beim Eintauchen in diese verstörende Lebenswelt diskreditiert Elisabeth George ihre Figuren nicht, sie stellt sie nicht bloß. Aber sie schönt auch nicht. Mit objektiven Blick, sozusagen dem Draufblick auf diese fremden Leben beschreibt sie und seziert so das Innenleben ihrer Protagonisten. Das schmerzt beim Lesen und es lässt teilhaben an diesem fremden Leben. Teilhaben ohne Vorurteil und ohne Verurteilung. Da werden Erwachsene beschrieben, die so wenig wie die Kinder in der Lage sind, sich den Ursachen dieser verstörenden Ereignisse und des daraus resultierenden Verhaltens zu nähern. Da liegt zu einen die Gefahr nahe, über die Schmerzen der Kinder an eigene offene Wunden zu geraten und den alten Schmerz neu fühlen zu müssen. Intutiv wird dem ausgewichen. Die Kinder so wahrzunehmen wie sie sind, in ihrem so-geworden-sein anzunehmen, birgt zum anderen die Gefahr, die eigenen, selbst geschaffenen Sicherheiten zu verlieren, die für einen selbst wunderbar funktionieren, für die Kinder aber vollkommen nutzlos zu sein scheinen. Letztendlich besteht darin die Gefahr, gemeinsam mit den Kindern vor dem Nichts, der großen Leere, dem Schmerz der inneren Wahrheit zu stehen. Sich eingestehen müssen, dass man diesen Kindern mit den eigenen, liebgewordenen Mustern nicht helfen kann. Wer will, wer kann das aushalten?
Ausgehalten wird es erst dann, wenn es zu spät ist, wenn der Lebensfilm abgelaufen ist, so jung die Kinder auch sind. Erst dann eröffnen sich die neuen Perspektiven. Zu spät. In diesem Buch.
Aber für uns LeserInnen macht sich die Erkenntnis breit, dass es vielleicht gar nicht um das Helfen geht in diesem Buch. Das es vielleicht erst einmal um das Akzeptieren und dann um das Verstehen geht. Das mag uns LeserInnen gelingen, den Protagonisten des Buches gelingt es nicht. Das hat auch noch andere Gründe, gesellschaftlichere, über das Private hinausgehende Gründe: die Kräfte werden nicht gebündelt. JedeR agiert allein, versucht allein, einen Zugang zu den Kindern zu finden, auf sie einzuwirken: die Tante, deren Lebensgefährte, die Sozialarbeiterin, die Lehrerin, der Mentor. So gehen wesentliche Informationen, die dem Verständnis des kindlichen Verhaltens dienen könnten, verloren. Einerseits werden die Sozialarbeiterin und der wohlgesonnene Polizist als Feinde betrachtet, denen aufgrund schlechter Erfahrungen im persönlichen Umfeld nur mißtraut werden kann und unterstellt wird, diese zusammengewürfelte Familie, die doch nur sich hat, auseinander reißen zu wollen. Sie werden betrachtet als Menschen einer anderen Gesellschaftsschicht, denen aufgrund ihrer Herkunft per se kein Verständis der familiären Situation zugetraut wird. Andererseits gehen die anderen HelferInnen – die Tante, der wunderliche Mentor, die forsche Pakistani – nur zaghaft aufeinander zu, aus Schüchternheit und im Versuch, die psychisch verletzten Kinder nicht weiter zu verletzen. So entdeckt JedeR einen Teil der Ursachen der kindlichen Traumata, aber bis die Kräfte sich bündeln und sich damit ein Gesamtbild des kindlichen Elends ergibt, auf dessen Grundlage eine wirksame Hilfe entwickelt werden könnte, bis dahin ist es für die Kinder zu spät. Die Gewalt hat das Zepter im Leben der Kinder übernommen und sie sind so verstrickt, dass es keine Auswege mehr gibt. Das Buch endet mit mehr zerstörten Leben, als denen der drei Kinder.
Für die LeserInnen bleibt neben dem Gefühl des ‚ich bin davongekommen‘, ‚das war ja nur eine Geschichte, die ist jetzt zu Ende, jetzt kann ich mich wieder meinem Alltag zuwenden‘ der schale Nachgeschmack einer Ahnung: auch so können Kinderleben sein. Die Sozialarbeiterin in mir nimmt sich vor, künftig noch mehr auf Vernetzung der HelferInnen zu achten, auf Absprachen und Abklärung von Hilfezielen und vor allem auf das Wertschätzen der positiven Leistung von KlientInnen, auch wenn diese nicht in jedem Fall ausreichen, um traumatiesierte Kinder zu stabilisieren und sie dabei zu unterstützen, sich den Platz im Leben zu erkämpfen, den sie einnehmen wollen.

Elisabeth George, blanvalet, 2007, 671 Seiten, 21,95 €

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