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Mitteldeutsche Autorinnen


Literatur

Jörg Magenau: „Christa Wolf. Eine Biographie“

Der weite Weg. Damals und Heute.                                                                                                                                  Buchbesprechnung von Sylvia Tornau

Im Rückblick betrachtet wird gelebtes Leben vor allem interessant, wenn es aus einer anderen Blickrichtung betrachtet wird, als es gelebt wurde. Nicht nur mit der Intention, Vergangenes zu erinnern, sondern auch mit der Intention, im Erinnerten Zusammenhänge zu entdecken und so das alltägliche Leben und Wirken der betrachteten Persönlichkeit in einem größeren Kontext verstehen zu können. Dem Autor der bei Kindler erschienenen Biografie von Christa Wolf, Jörg Magenau, gelingt dies gleich doppelt. In dem er das schriftstellerische Leben der DDR-Kultautorin betrachtet und in den gesellschaftlich politischen Kontext ihrer Biographie stellt und indem er die DDR-Kulturgeschichte in den Kontext der Biographie von Christa Wolf stellt. Beides unter dem Aspekt: die DDR gehört der Vergangenheit an, ein gesellschaftliches Konstrukt mit nur 40 jähriger Haltbarkeit, von dem heute nur noch Erinnerungen und individuelle Narben im Leben Einzelner zeugen.Herausgekommen ist eine Geschichte der DDR und die Geschichte eines öffentlichen Lebens in dieser DDR. Mit der Fremdheit dessen, der in einem anderen politischen System aufgewachsen ist, beleuchtet der Autor das Leben von Christa Wolf. Aus dieser Sicht heraus, einem Archäologen gleich, der die Scherben einer Epoche der deutschen Geschichte mit dem Pinsel säubert, stellt er Fragen nach den Zielen der Gesellschaft, nach dem Wirken und den inneren Zusammenhängen. Was hielt die DDR so lange zusammen, was hielt die Autorin, die längst auch Kultstatus im anderen Deutschland hatte, so lange in der DDR?
Jörg Magenau stellt bei seiner Reise durch die Geschichte dieser ihm fremden Kultur durchaus unangenehme, für ehemalige DDR-BürgerInnen auch provozierende Fragen. Offensichtlich tut er dies aber nicht mit der Intention zu verletzen und das eigene Leben auf den Trümmern eines ganzen Landes zu erhöhen, sondern er stellt seine Fragen mit der Intention etwas zu erfahren. Er ist ein Forschender, ein Suchender, der sich aufgemacht hat ein fremdes Land zu erforschen. Ein Land, welches nur noch in Dokumenten und in den Köpfen einiger Zeugen lebendig ist. Magenau denunziert nicht. Weder das Land noch die Autorin. Ganz im Sinne von Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“ bewertet er, ohne zu verurteilen, ohne Anmaßung, aus einem ihm eigenen Wertesystem heraus. Mit einer offensichtlichen Freude an Geschichte.
Der Autor dreht und wendet seine Fundstücke, zeigt die Schriftstellerin mit ihren Schwächen und Wankelmütigkeiten, ihren Stärken, ihrer Bereitschaft zum Kämpfen für Wahrhaftigkeit, mit Verletzungen, Sehnsüchten, Enttäuschungen. Magenau zeigt Christa Wolf als streitbare Ikone ihrer Zeit, die sich der Verantwortung als seismographische Berichterstatterin für gesellschaftliche Veränderungen gestellt hat. Eine Verantwortung, die ihr niemand übertragen hat, die sie selbst wählte. Er zeigt sie aber auch als im vereinten Land gestürzte Ikone, die bei allem Schmerz über den Verlust der Hoffnung, der sich für sie mit dem Ende der DDR verband, doch auch froh war, die Last dieser Verantwortung los zu sein. Er beschreibt die Hexenjagd Anfang der Neunziger, als Christa Wolf sich rechtfertigen musste für ihren Glauben an ein anderes Deutschland, als sie auf dem eitlen Schlachtfeld der Moralisierungen aufstrebender Journalisten geopfert wurde. Vor der Wende als Nobelpreiskandidatin gepriesen wurde sie im Siegesrausch der Vereinigung im Meer Schuldfragen mundtot gemacht. Magenau beschreibt den Rückzug in die Privatheit, aus der heraus sie ihre letzten Werke veröffentlichte. Was dieses Buch so ergiebig und interessant macht, ist, neben der spürbaren, dem Buch zugrunde liegenden Recherche, das Fehlen jeglicher Moralisierungen. Der Forscher Magenau objektiviert den Gegenstand seiner Betrachtungen aus subjektiver Perspektive. Er maßt sich nicht an für alles Antworten zu haben. Dafür er beweist den Mut Fragen zu stellen. Unbequeme Fragen, deren Beantwortung er den Einzelnen überlässt, den LerserInnen. Auch das macht dieses Buch, neben seinem biographischen Wert, zu einem besonderen Buch im großen Regal der Geschichten über die DDR, der DDR-Geschichten. 

„Christa Wolf. Eine Biographie“ von Jörg Magenau, 2. Aufl., Kindler 2002, 494 Seiten, 24,90 €

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