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Mitteldeutsche Autorinnen


Rezensionen (MAT)

„Montagsnächte“von Kathrin Wildenberger

rezensiert von Sylvia Tornau

In ihrem Erstling „Montagsnächte“ erzählt Kathrin Wildenberger vom Erwachsenwerden in Zeiten des Umbruchs. Erwachsenwerden ist auch ohne Umbrüche schwierig genug. Für die Generation der heute 35-45 jährigen, geboren in der DDR, war die politische Situation im Land eine weitere Herausforderung. Neben den Unsicherheiten des Erwachsenwerdens, Begegnungen mit der ersten Liebe stellte sich auch die viel diskutierte Frage ‚Gehen oder Bleiben?‘. Die Beantwortung dieser Frage erforderte spätestens ab Mitte der achtziger Jahre auch Antworten auf Fragen wie ‚Bleiben und aktiv verändern, dabei Repressalien bis hin zur Verhaftung in Kauf nehmen?‘ oder ‚am Rand aktiv werden?‘.  Das die Antworten auf diese Fragen in der genannten Altersgruppe nicht immer eine persönliche Entscheidung war, sondern häufig eine zufällige Verquickung von eigenen Interessen, Liebe, der Offenheit mit welcher man dem Leben begegnet, stellt Kathrin Wildenberger sehr anschaulich, lebendig und nachvollziehbar dar. Ania Hochlinger wächst in einem Dorf im Südharz auf. Als 15jährige verliebt sie sich im Sommer 1986 in den 18jährigen Außenseiter Bernd. Bernd verweigert den Dienst an der Waffe und wird als Bausoldat zur NVA eingezogen.

Die emotionalen Ereignisse überschlagen sich. Ania schreibt Briefe, aber Bernd antwortet nicht. Die beste Freundin Suse verschwindet mit ihrem Freund über Ungarn in den Westen. Das bedeutet für Ania hin- und hergerissen sein zwischen Enttäuschung über den Vertrauensverlust ‚ schließlich hat Suse mit keiner Silbe über ihr Vorhaben gesprochen‘  und der Trauer über den Verlust der Freundin. Ania verliebt sich in Tom. Ania beginnt eine Ausbildung. Im September 1989 begleitet Ania ihre Freundin Miriam zu einem Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche. Dort begegnet sie Miriams Geliebten. Es ist Bernd, inzwischen Theologiestudent und Fotograf.
Die Ereignisse in Wildenbergers Roman überschlagen sich. Ania, Bernd und Miriam nehmen in den kommenden Wochen immer wieder an den Demonstrationen in Leipzig teil. Ania und Bernd verlieben sich, trennen sich aber nicht von Tom und Miriam. Die Mutter organisiert zu Hause im Dorf eine Demonstration, der Vater resigniert, tritt aus der SED aus. Die Mauer fällt und die heftige Affäre zwischen Ania und Bernd endet.

Kathrin Wildenberger erzählt aus Anias Sicht in Ich-Form. Neben den Begebenheiten, die unmittelbar von Anja erzählt werden, nimmt die Autorin das stilistische Mittel des Briefes zu Hilfe, um der Sichtweise anderer Beteiligter Raum zu geben. Die einfache und klare Sprache ist dem Sujet angemessen. Gerade durch die Einfachheit der Sprache gelingt es der Leserin dem Wust an Geschichten, Begebenheiten und Ereignissen problemlos zu folgen.

Kathrin Wildenbergers Roman „Montagsnächte“ nähert sich behutsam dem Thema Wendezeit in der DDR. Die Autorin zeichnet ein feines und dadurch realistisches Bild jener Zeit, in der es bei vielen Menschen nicht nur um ein Für und Wider ging, sondern auch um Unzufriedenheit, den Willen zu Mitbestimmung, aber vor allem um Unsicherheit. Nicht wissen, welches Handeln das Richtige ist. Die berufliche Zukunft gefährden oder den Mund aufmachen. Oder, wie ein Professor im Buch, erst des Berufes wegen die politisch vorgegebene Meinung vertreten und dann, überwältigt vom eigenen Gefühl der Heuchelei, das eigene Unbehagen öffentlich machen.

Wer wissen will, wie verwirrend die Zeit des politischen Umbruchs für viele Menschen in der DDR war, wie innerlich zerrissen die Menschen sich fühlten, wie der Zufall Helden schuf oder politische Aktionisten, dem sei die Lektüre der „Montagsnächte“ wärmstens empfohlen.
Dieses Buch hat das Zeug zur Schulbuchlektüre für den Geschichtsunterricht der jüngeren deutschen Vergangenheit. Unbedingt verschenken an Jugendliche. Unbedingt lesen, wer in die eigenen Erinnerungen abtauchen will.

Kathrin Wildenberger „Montagsnächte“, Plöttner Verlag, Leipzig 2007, 230 Seiten. 17,90 €

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