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Mitteldeutsche Autorinnen

Rezensionen (AV)

Hier findet Ihr Besprechungen von Publikationen von Mitfrauen der Autorinnenvereinigung Deutschland.

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º Ein literarischer Quilt

Freitag, 30.03.2012

Cornelia Becker „Eintritt Frei“ Erzählungen
Rezensiert von Sylvia Tornau

Ein merkwürdiges Buch ist dies, mit der Betonung auf ‚merken’. Lauter kleine, intime Kostbarkeiten entfalten sich auf den 213 Seiten dieses Buches.
Beckers Erzählungen sind Momentaufnahmen aus dem Leben ihrer Protagonisten. Wie geschriebene Fotoerzählungen ohne Fotos. Bildgeschichten die atmen.
An ganz persönlichen Momenten der Protagonisten dieser Erzählungen können wir LeserInnen teilhaben. All das, was das Leben an schönen Momenten zu bieten hat, ist eingewoben in die Geschichten von Cornelia Becker. Egal, ob Momente am Strand, in der Sommerhitze Berlins oder beim genussvollen Essen – immer gelingt es der Autorin in ihre Geschichten hineinzuziehen. Lebensfreude pulsiert in diesen Erzählungen ebenso wie die kleinen und großen Identitätskrisen, die das Leben für jeden bereithält.
Das untergründige Thema, der rote Faden der alle Erzählungen zusammenhält, ist das Anderssein. Die Konfrontation mit dem eigenen Anderen ebenso wie mit dem Anderssein der Anderen. Da gibt es eine junge Frau, die sich alles Weichsein hart abtrainiert hat um sich gegen Verletzlichkeit zu schützen (Haut der Gedanken). Einer anderen jungen Frau wachsen plötzlich Flügel (Im Jahr der Wunder). Und Mo, Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers, wird durch den Drohbrief eins Reindeutschen mit dem Islam konfrontiert, der für ihn bisher keine Rolle spielte. Mitten ins gelingende, sozial und wirtschaftlich erfolgreiche Leben des jungen Mannes schlägt die Fremdenfeindlichkeit ein wie eine Splitterbombe.

Mitunter macht sich beim Lesen Beklemmung breit. Eine von der Sorte, wie sie einen mitunter beschleicht, wenn Zeit und Ruhe sich ausbreiten. Wenn sich die Frage nach der Identität stellt. Jenseits der Identität, die sich die meisten von uns durch die Verankerungen in Arbeitswelt und/oder Familie geschaffen haben. Wenn in der Stille des für Augenblicke nicht-funktionieren-müssens sich die Fragen auftun. Die Fragen nach dem Woher und Wohin und dem Warum-So-geworden sein. Fragen nach dem roten Faden im eigenen Dasein.
Hautnah lässt die Autorin die LeserInnen die Augenblicke der Verunsicherung ihrer Protagonisten miterleben, so wie in den Geschichten von Jutta (Mañana) und Curbelo (Worauf warten wir?) Ohne moralisierenden Zeigefinger und doch zutiefst moralisch stellt sich Cornelia Becker den dringlichen Fragen unserer Zeit. Wie begegnen wir anderen, wie uns selbst? Was macht es einem Menschen aus, wenn er plötzlich aufgefordert wird sein Heimatland zu verlassen? Was macht es aus, wenn Europa die Grenzen verschließt und tausende Afrikaner auf dem waghalsigen Weg übers Wasser ertrinken, verhungern und wie Treibholzstücke an Land gespült werden?
Cornelia Becker beantwortet diese Fragen für uns nicht. Sie beobachtet ihre Protagonisten sehr genau und lässt uns teilhaben an deren Leben, mit einem intensiven Blick auf Gegebenheiten, Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Der Autorin gelingt es, die einzelnen Geschichten miteinander zu verweben, wie ein Quilt. Plötzlich tauchen die Protagonisten der einen Geschichte in einer anderen wieder auf oder die Randfiguren einer Geschichte werden in der nächsten zur Hauptfigur. Cornelia Becker gelingt es, die LeserInnen im Bann ihrer Erzählungen zu fesseln. Das ist Magie. Feine und unaufdringliche Erzählmagie.

Cornelia Becker „Eintritt Frei“ Erzählungen
Achter Verlag. Acht und Weinheim 2011. 213 Seiten. 19.80 €

º Eine Einladung nach Bremen

Freitag, 30.03.2012

Jutta Dornheim „Katzenmann – Roland – Faule Grete. Eine Bremen-Roman in Geschichten“
Rezensiert von Sylvia Tornau

Wie der Untertitel es schon sagt, erzählt dieses Buch in kurzen, in sich geschlossenen und trotzdem im Zusammenhang lesbaren Geschichten von einer Entdeckungsreise durch Bremen, Bremerhaven und Umland.

Hannah, philosophisch interessierte und schreibende Alltagsforscherin, betrachtet die erlebten Orte und die erfahrenen, erlesenen Geschichten unter dem Blickwinkel einer Frau, die überlegt ihre Zelte dauerhaft in Bremen aufzuschlagen. Begleitet wird sie dabei von ihrer Freundin Iris, einer Gymnasiallehrerin. Iris wiederum entdeckt die Stadt in der sie lebt durch die Auseinandersetzung mit der Freundin teilweise neu.

Jutta Dornheim nimmt ihre LeserInnen mit auf eine unterhaltsame Reise in die Hansestadt. Dabei erfahren die Reisenden nicht nur reale Orte, sondern auch etwas über die Stadtgeschichte und das kulturelle Leben Bremens. Sie begegnen mutigen Frauen wie Anna Lühring, deren Geschichte fast vergessen und überregional unbedeutend ist, die aber als Sinnbild vergangener Frauenleben durchaus erzählenswert ist (Heimliche Soldatin aus der Braustraße). Und sie begegnen eigenwilligen, aber großartigen Menschen, wie dem seinem verstorbenen Tier noch immer treuen Katzenmann (Das Paradies ist hier) oder der Städtereisenden mit schmalen Budget, die trotz ihrer Armut ihre Neugier und das kulturelle Interesse noch lange nicht verloren hat (Zwischen Reisenden und Räubern).

Der Autorin gelingt es in ihrem Buch, den Spannungsbogen von der Bremer Historie (VIPs auf dem Freimarkt) bis hin zu aktuellen politischen und kulturellen Ereignissen zu ziehen (Magnetfelder). Historische Orte wie ‚Der Elefant’ oder Persönlichkeiten mit kurzer oder langer Bremenberührung (Engels, Heine, Marcks, Modersohn-Becker) – viele der kurzen Begegnungen machen neugierig auf mehr: Mehr Geschichten. Mehr Wissen. Mehr Bremen.

Das Buch lässt sich auch lesen als eine Einladung zu einem Kurztrip nach Bremen.

Nicht unbeachtet lassen möchte ich die Zeichnungen von Norbert Schneider, mit denen die individuellen Betrachtungen Bremens in den Geschichten nicht nur umrahmt und illustriert, sondern aromatisiert werden. Jede der Geschichten erhält durch die Zeichnungen noch einmal einen ganz eigenen Geschmack, eine Erweiterung der an sich schon sehr bekömmlichen Kost. Ein vom Verlag kostenfrei mitgeliefertes Sahnetüpfelchen.

Unbedingt für die nächste Bremenreise einpacken. So gelingt auch den Ortsfremden eine ganz eigene Annäherung an die Stadt und die Menschen, die in ihr wohnen.

Jutta Dornheim „Katzenmann – Roland – Faule Grete. Eine Bremen-Roman in Geschichten“
Kellner Verlag. Bremen 2011. 168 Seiten. 9,90 €

º Dunkle Rache – ein Nürnberg-Krimi von Billie Rubin

Sonntag, 26.02.2012

Rezension von Michèle Minelli

Kurz vor Weihnachten trudelte er ein, der neue Krimi der vielseitigen Autorin Ute Hacker. Unter dem Pseudonym Billie Rubin verfasst sie Kriminalgeschichten, als Ann E. Hacker erotische Literatur und als Luisa Hartmann Kinderbücher. Und hier lag er also vor mir, dunkelblaues Cover mit einer arabisch angehauchten Schrift: der erste Regionalkrimi, den ich lesen sollte. Diese Rezension ist ein Erlebnisbericht.

Erste Fragen, die sich mir vor meinem Aufbruch in die Gefilden eines kriminellen Nürnbergs, fränkisch: Nermberch, stellten, waren:
Muss ich mich bei einem Regionalkrimi darauf gefasst machen, dass die Autorin ihre Geschichte mit dem Stadtplan in der einen und dem Aufnahmegerät in der anderen Hand verfasst hat? Steht eine Überdosis Lokaltkolorit zu befürchten? Ein camouflierter Fremdenführer gar, der möglichst viele Sponsoren unterbringen muss?
Mitnichten.
Bei »Dunkle Rache« wird schon auf den ersten Seiten klar, dass Billie Rubin höhere Ansprüche hat. Sie führt unmittelbar in das Geschehen ein, das sich im Hintergrund von Attentaten abspielt, sie lüftet gleichsam den Schleier des Unfassbaren und gibt ihm mit ihren Figuren Bewegungsmotiv und Gesicht. Und während ich mich innerlich noch vorsichtig herantaste, sieht sich die ehemalige Kommissarin und heute als Bodyguard tätige Protagonistin Charlotte Braun schon bald der ganzen Herausforderung gegenüber, die religiös-politischer Fanatismus mit sich bringt: sie muss Farid Nizami beschützen.
Nizami, seines Zeichens oppositioneller Autor aus dem Iran, ist soeben in die Frankenmetropole in eine geschützte Wohnung des P.E.N. gezogen. In seinem Heimatland mit dem Tod bedroht, hat auch in Deutschland für ihn die Verfolgung kein Ende genommen. Bei einem Anschlag wurde seine Frau getötet, und es gilt für ihn, sich in einem Leben voller Ungewissheit zurechtzufinden. Da passt ihm zuerst gar nicht, dass er ausgerechnet von einer Frau beschützt werden soll, ein Mann, meint er, wäre ihm da schon gemäßer.
Geschickt jongliert Billie Rubin mit Klischees, ohne sich darin zu verlieren oder ihnen zu viel Gewicht zu geben, und ebenso geschickt gelingt ihr die Gratwanderung zwischen anspruchsvoller Haltung und Heimatreflex. Die organisierte und minutiös geplante Kriminalität in der eigenen Nachbarschaft hat etwas Unmittelbares, und es ist immer wieder köstlich, wie sich in die Internationalität der Geschichte, die neben Nürnberg auch an den Schauplätzen London und Teheran spielt, die Urgewalt des Dialekts mischt. Als eine Bombe im Innenhof eines Wohnhauses detoniert, ruft die perplexe Nachbarin nach Charlotte – in breitestem Fränkisch – die Treppenstufen hinauf: Schaloddeeeeeeeeeee! Das muss man sich erst einmal getrauen.

Und wie steht es mit dem Stadtplan, den Sponsoren? Gut, ich werde zuweilen fast wie mit einem Navigationsgerät durch die Straßen geführt und ich erfahre auch, dass es in Nürnberg ein Restaurant Zeitlos gibt und eines mit Namen Sabberlodd, aber das alles stört nicht, wirkt nicht aufgesetzt sondern ist homogen in den Lauf der Geschichte eingearbeitet.
Mein Fazit nach dieser Reise also? Die Heimat als Handlungsraum für eine Kriminalgeschichte zu verwenden kann durchaus stimmig und auch packend sein, solange die eigentliche Story solid recherchiert ist und hält, was sie verspricht. Im Falle von Billie Rubins »Dunkle Rache« tut sie das.
Ganz gwiiß.

Billie Rubin, Dunkle Rache, Allitera Verlag 2011

º Hier endet der Himmel 55 Geschichten von Brigitta Römer

Sonntag, 26.02.2012

Rezension von Michèle Minelli

Was passiert, wenn man scheinbar Banales mit Surrealem mischt? Wenn man sich nicht scheut, dem Alltag kleiner Leute nachzugehen, bedingungslos den Weg mit ihnen geht, bis ganz ans Ende? Wenn man als Autorin für seine Figuren da ist und dableibt, egal wie hoffnungslos ein Abenteuer auch scheinen mag? Dann entstehen Geschichten von überraschender Einfachheit und Dichte. Geschichten von Brigitta Römer.
Eine Entdeckung.

Liebevoll aber mit kritischem Blick zeichnet Brigitta Römer in wenigen Strichen das Portrait ihrer Figuren. Wir lernen Lino kennen und Viktor, Jagoda und Linda, Horst und Tosca und mit ihnen manche mehr, die das Leben an die Ufer der Welt gespült hat oder über die Ränder derselben hinaus. Wir trauern und wir empören uns mit ihnen und über sie, und nicht selten wünschen wir uns, einzuschreiten. Dass aber Brigitta Römers Figuren so selten selber einschreiten, dass sie ihr Schicksal lakonisch, geduldig und ergeben annehmen, zeigt – in der Fülle der Geschichten – auch deren Größe. Sie müssen nicht in (un-)heilige Kriege ziehen und gegen Windmühlen ankämpfen, lieber bleiben sie sich selber treu.

Passend zu den „kleinen Leuten“ hat sich die Autorin für eine konsequente Kleinschreibung entschieden. Die gewählte Kürze der Texte wirkt kontradiktorisch zur Tiefe der Schicksale. „Hier endet der Himmel“ ist das erste Buch von Brigitta Römer. Ein eigenwilliger Auftakt, geschrieben in einer unverblümten Sprache, die keine Scheu kennt und große Ungerechtigkeiten im Leben kleiner Leute benennt.

Brigitta Römer, Hier endet der Himmel, Edition Isele, 2012

º Sigrid Lenz: Kimberleys Weihnacht. …und dieses Jahr wird’s richtig schlimm

Sonntag, 26.02.2012

empfohlen von Sylvia Tornau

Kimberleys Familie erwartet ein rauschendes Weihnachtsfest. Bei Kimberley. Das steht fest. Schon lange. Doch Kim wäre nicht Kim, wenn sie es nicht bis wenige Wochen vor dem Fest verdrängen würde.  Die Katastrophen nahen, nicht nur weil Kims Haus ein wenig verwachsen ist, andere würden es vielleicht ungepflegt nennen, sondern auch, weil Kim eine Einzelgängerin ist, die dazu nicht gern kocht. Um das Dilemma abzuwenden, lädt Kim ihre Freundin und Nachbarin Tessa und deren halbwüchsige Tochter mit ein. Diese aber kann auch nicht kochen. Die Frage Gans oder Fischstäbchen ist hier nur die harmlose Frage. Und ob  Werwölfe zur Familie gehören oder nicht, finden Sie am besten selbst heraus. Bei einem Glas Glühwein, vor dem Kamin, während andere den Braten zubereiten, den Sie an Weihnachten essen.

AAVAA Verlag, 397 Seiten, Mini-Buch, Preis 9,95 €

º Ulrike Bail: wundklee streut aus. 47 gedichte über theodora

Sonntag, 26.02.2012

empfohlen von Sylvia Tornau

Ein kraftvoller und doch auch hauchzarter Gedichtband, über die Ent- und Verwicklungen gelebten Lebens. Die Gedichte sind einzeln verstehbar, aber auch als Geschichte der Wandlungen und Begegnungen einer Frau zu lesen, die Widrigkeiten trotzt und aus allem sie Umgebenden Kraft zieht. Ob Naturbetrachtung oder Kommentare aus dem Innenleben, ihre Lebensschwingungen sind mal ironisch, mal ausufernd aber immer warm und über die Sprache ins Zentrum des Daseins treffend. Leichtfüßig und manchmal mit unachtsam übergeworfenen Kleidern begegnet uns in diesem Gedichtband das alltägliche Leben in einer Poesie namens Theodora.

Conte Poesie 12, 100 Seiten, Paperback, Preis 9,90 €

º Ursula Maria Wartmann: midlife blues. Erzählungen.

Sonntag, 26.02.2012

rezensiert von Mechthilde Vahsen

Es war 2007 in der Stadtbibliothek Düsseldorf, als ich die erste Erzählung von Ursula M. Wartmann hörte: Die Autorinnenvereinigung stellte auf einer Lesereise die Preisträgerinnen des Kurzgeschichten-Wettbewerbs vor. Die Geschichte „Der Mann am Pool“ hatte den ersten Platz des Autorinnenforums erhalten. Mir gefiel sie außerordentlich gut, schaffte es die Autorin doch, eine Atmosphäre in Worten einzufangen, die so sehr subtil daherkam und kaum zu greifen war.
Nun legt Ursula M. Wartmann einen Band mit Erzählungen vor, die zu Teilen bereits vereinzeit erschienen sind. Darunter sind fünf (!) preisgekrönte Geschichten, eingeleitet von der oben erwähnten. Es ist ein großes Vergnügen, sich durch die fast 234 Seiten zu bewegen, die eingerahmt sind von einem Vorwort und der Laudatio aus dem Jahr 2007 von Odile Kennel. Ich kann mich Frau Kennel nur anschließen, wenn sie sagt: Ursula Maria Wartmanns Texte haben mit dem Leben zu tun, mit dem der „kleinen“, am Rand der Gesellschaft stehenden Leute und ihren auf den ersten Blick unauffälligen Geschichten, die auf die dahinter stehenden gesellschaftlichen Strukturen und Missstände verweisen.“ Dazu bedient sie sich einer klaren Sprache, manchmal fast sachlich wirkend, die mitten hineinführt in den Alltag der Figuren, der oft gebrochen ist und deswegen zurückweist auf das große Ganze, das dahinter steht. Sei es die Frau, deren verheirateter Geliebter sie mal wieder versetzt und die Trost bei ihrem Nachbarn und dessen Familie findet, auf die sie bisher heruntergeschaut hat.
Das Figurenarsenal ist so wundervoll gemischt und reicht von den Jungen über die Älteren und Mittelalten und schließlich die ganz Alten. Oft sind es krisenhafte Situationen, die ausgelotet werden, warmherziger Humor spielt mit hinein, ohne die Figuren vorzuführen. Das liest sich angenehm, denn man gewinnt den Eindruck, dass die Autorin einfach nur erzählen will, die Leserin teilhaben lassen will, mehr nicht. Kein moralischer Zeigefinger, keine Botschaft. Und dann doch wieder harte Aggression wie in der Geschichte „Hinter Gittern“, wenn alles umkippt ins Harte, Gewalt Thema wird, und zwar die alltägliche Gewalt, der vor allem und immer noch Frauen und Kinder ausgesetzt sind. Dafür hat die Autorin einen treffsicheren Blick.

Ursula Maria Wartmann: midlife blues. Erzählungen. Edition Octopus. Münster 2011. 12,80 Euro.

º „Wila“ Prosa-Miniaturen von Ruth Loosli

Sonntag, 26.02.2012

rezensiert von Michèle Minelli

Diesen November erscheint Ruth Looslis «Wila» im Zürcher Wolfbach Verlag.
54 Prosa-Miniaturen erzählen von Höhen und Tiefen, stillen und lauten Momenten in Wilas Leben. Schnell wird klar: Wila ist keine, die sich an der Nase herum führen lässt. Erfrischend direkt wie ein Kind und doch mit der Melancholie einer reifen Frau tritt sie ins Leben und diesem mutig entgegen.

Die als Lyrikerin bekannte Ruth Loosli hat mit Wila eine Figur geschaffen, die man gerne zur Freundin haben würde. Wila wäre eine gute Trösterin. Sich selber schenkt sie diesen lakonischen Trost immer da, wo sie nicht mehr weiter weiß, und der allein einen über Ungerechtigkeit hinweg trägt. Wie zum Beispiel bei der Miniatur Wilas Segel:

«Wila hat zwanzig Jahre lang ihre Brüste vorn getragen, sozusagen
an die Leine gehängt, mit ihnen gesäugt und wieder abgestillt. Jetzt
müsste es doch möglich sein, ihre Brüste reinzuholen, wie ein
Segel bei Windstille reingeholt wird, versorgt im Hafen ihres
Brustkorbs, damit sie ernst genommen würde. Schreiben, hat sie
gelesen, sei immer mit Scham verbunden. Und mit Brüsten, mit
Brüsten, doppelt Wila nach.»

Fragen zur Kunst, zum Leben, zum Älterwerden oder Elternsein begegnen sich zwischen den Zeilen und hüpfen von Seite zu Seite, und die Gedanken gehen immer ein bisschen tiefer, als es im ersten Augen-Blick erscheint. Wila, die, wie sie sagt, über ihre Verhältnisse großzügig ist, lebt diese Großzügigkeit auch in ihren Texten. Nur hängt sie das nicht an die große Glocke sondern bedient sich einer einfachen, unspektakulären und daher sanft eindringenden Sprache. Außer in den Momenten, in denen sie nichts anderes sein will, als ganz genau verstanden, so zum Beispiel bei Wilas Geschäft:

«Wila scheißt wie ein Pferd. Und erfreulich tönt dieses Geschäft!
Schade, dass sie niemals an dessen Dampf und herrlichen Duft
herankommen wird.
»

Spröd, frei heraus, eigenwillig und emanzipiert, so purzelt Tag für Tag eine neue Wila ins Leben. Zum 15-jährigen Bestehen des Wolfbach Verlags Zürich ist letztes Jahr DIE REIHE lanciert worden. Pro Saison erscheinen zwei bis drei Titel, vornehmlich neue Lyrik und Kurzprosa von Schweizer Autorinnen und Autoren.

Was Ruth Loosli da mit Wila gelungen ist und womit DIE REIHE weitergeführt wird, ist ein Vexierbild des kleinen Lebens. Unbescholten gibt es sich schwarz auf weiß in der hübschen englischen Broschur, und wer genau hinschaut, sieht die Buchstaben mit den Augen zwinkern.

Ruth Loosli, Wila, Wolfbach Verlag die Reihe, 2011

º “Kaltland” (Rotbuch Verlag, Berlin, 2011) Eine Sammlung herausgegeben von Manja Präkels, Karsten Krampitz und Markus Liske

Sonntag, 26.02.2012

Eine Buchvorstellung im Interview zwischen Maike Stein (Fragen) und Manja Präkels (Antworten):

Unser Newsletter richtet sich an Autorinnen, daher lautet die erste Frage: Wie entsteht so eine Anthologie? Wir wollen alles wissen – von der Idee bis zum gedruckten Buch!

Die Idee trage ich schon sehr lange mit mir herum. Gemeinsam mit dem Kollegen Liske diskutierte ich oft über die Möglichkeit einer solchen Textsammlung. Seit wir uns vor zehn Jahren kennenlernten, kamen wir immer wieder auf unsere unterschiedlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung zu sprechen. Und stritten! Da trafen unterschiedliche Perspektiven aufeinander, Ost. West, Frau, Mann, verschiedene Lebensphasen, die da mit der gesellschaftlichen Realität kollidierten. Diese Zeit hat mich intensiv geprägt, politisiert und schlußendlich zum Schreiben gebracht. Der vorübergehenden Sprachlosigkeit – immerhin gab es für einen kurzen Moment keine Gewissheiten mehr zu benennen – entgegen. Und was uns im Laufe der Jahre auffiel: Über die Momente der Gewalt, des Elends, die Abgründe, die der radikale gesellschaftliche Wandel zweifelsohne auch mit sich brachte, steht wenig geschrieben.
In diesem Jahr, am 17. September, ist es 20 Jahre her, daß in Hoyerswerda das Vertragsarbeiterwohnheim brannte und eine Welle der Gewalt in ganzen Land lostrat. Wir haben also die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, den Jahrestag zum Anlaß genommen und auf diese Leerstelle in der aktuellen Erzähllandschaft hingewiesen, ein entsprechendes Exposé verfaßt, herumgeschickt und dann ging alles sehr schnell. Rotbuch hat sich gemeldet, Interesse bekundet, wir holten Karsten Krampitz mit ins Boot und so nahm das Buch Gestalt an. Wir haben in alle Himmelsrichtungen gestreut, daß wir auf der Suche nach Texten sind, Beiträge gesammelt, gesichtet, geordnet, strukturiert, verworfen, von vorne angefangen und gekürzt. Dann galt es, zu redigieren, Vor- und Nachwort zu schreiben, Fotos auszuwählen und die Rechte für Nachdrucke bei den Verlagen einzuholen. Ach und: Verträge an 42 Autoren schicken und dafür sorgen, daß sie rechtzeitig und möglichst unterschrieben zurückkommen. Da heißt es warten und hoffen oder auch hinterher telefonieren. Ehrfurchtsvoll und schon in leichter Panik die Druckfahne begutachten, genau lesen. Letzte Konferenz, viel Bier. Kurzum: eine Wahnsinnsarbeit. Ich würde es wieder tun.
Herausgegeben ist das Buch von dreien.

Wie sah die Zusammenarbeit im Team aus?

Spannend, lautstark, aufreibend, produktiv – so würde ich es beschreiben. Mit Karsten Krampitz kam ein erfahrener Kollege dazu, der schon mehrere Anthologien herausgegeben hat.
Wir kannten einander, wußten, daß die Chemie grundsätzlich stimmt. In wenigen Wochen haben wir uns zusammengerauft und eine gute Aufgabenteilung gefunden. Markus avancierte zum “Büroleiter”, über seinen Schreibtisch lief das meiste, er koordinierte. Karsten betreute eine ganze Reihe von Autoren, ich recherchierte im Hintergrund auf der Suche nach weiteren möglichen Beiträgen, knüpfte Kontakte zu Aktivisten und antirassistischen Initiativen und wählte Texte bzw. Textpassagen aus, arbeitete sie um. Zwischendurch diskutierten wir teilweise heftig die eingesandten Beiträge. Klar, das Thema sorgt für reichlich Zündstoff und jeder von uns hat seine eigenen Präferenzen. Jedenfalls planen wir schon das nächste Projekt miteinander, wie es scheint, hat das Inspirierende den Ärger überwogen.

Was wünschst du dir für das Buch? Was wäre das tollste, was ihm passieren könnte?

Was einem Buch zu wünschen ist: Viele Leser. Und, daß es entgegen aller populistischen Debatten à la Sarrazin ermöglicht, daß Menschen einander ihre Geschichten erzählen, sich erinnern und streiten. In was für einem Land wollen wir eigentlich leben? Was soll das bedeuten: deutsch? Braucht es das? Ja, ich wünsche dem Buch, daß es Fragen aufwirft und Mut macht, Nein zu sagen.

Der Joker: Welche Frage würdest du zu diesem Buch gerne gestellt bekommen? Und wie sähe deine Antwort aus?

Was hat das Thema dieses Buches, die frühen Neunziger, konkret mit unserer heutigen Zeit zu tun?
Viel. Der Titel “Kaltland” ist nicht ohne Grund gewählt. Statt einer Neuerfindung eines gemeinsamen Landes in dem alle Platz haben, sehen wir uns mit einer fortschreitenden Verrohung in allen Lebensbereichen konfrontiert. Das im Westen lange gepflegte Ideal einer multikulturellen Gesellschaft wurde beerdigt und überhaupt blüht die zarte Pflanze der Kultur nur noch selten. Wobei Kultur ja immer auch damit zu tun hat, wie Menschen miteinander umgehen. Und die Weichen für die heutigen Ausgrenzungen wurden damals gestellt. Alles, was wir sehen konnten, war Deutschland. Aber das geht nicht, die Welt vergessen. Denn die Welt vergißt uns nie.

Nach dem Buch ist vor dem Buch: Was ist aktuell angesagt? Was ist als nächstes geplant?

Im März bin ich für einen Monat im International Writers-and-Translators-House in Ventspils zu Gast. Dort werde ich “Tresenlieder II” also den Nachfolger zu meinem ersten Gedichtband zusammen stellen. Material gibt es genug. Ich bin gespannt und freue mich darauf, wenigstens für kurze Zeit “nur” Autorin sein zu dürfen. Derzeit schicke ich wieder jede Menge Pony´s ins Rennen, für Stipendien aller Art. Zwei längere Stoffe bedürfen der Überarbeitung. Das braucht Zeit, also Geld. Eine neue CD meiner Band Der Singende Tresen wartet beharrlich auf ihre Vollendung, die mußte warten, solange ich ganz mit “Kaltland” beschäftigt war. Na und wir stecken mitten in der Organisation einer kleinen Buchtournee quer durch´s Land.

Vielen Dank für das Interview!

º “Auszeit” (Krug & Schadenberg, Berlin, 2011) von Claudia Breitsprecher

Sonntag, 26.02.2012

gelesen und vorgestellt von Maike Stein

Die Grünen-Abgeordnete Martina Wernicke überlebt nur knapp ein Attentat und zieht sich in das Ferienhaus einer Kollegin und Freundin zurück, um sich von dem Schock zu erholen und ihr Leben zu überdenken.
Während sie realisiert, wie sehr ihr Leben seit Jahren vom Intrigenspiel um die Macht bestimmt wird, muss sie sich zugleich mit den Auswirkungen der Politik in dem kleinen brandenburgischen Dorf auseinandersetzen, in dem sie sich doch von allem zurückziehen wollte.
Ich lüge nicht, Wie die meisten von uns meine ich, was ich sage. Aber durch alle Schichten der Bevölkerung zieht sich die Ansicht, wer in der Politik arbeitet, nehme es mit der Wahrheit nicht so genau. Ich habe Eleni nach ihrer Meinung gefragt. Wir waren in der Küche. Ich deckte den Tisch, und sie schmorte in Scheiben geschnittene Zucchini in einer Tomaten-Paprika-soße. Ein Kochbuch lag aufgeschlagen neben dem Herd. Vielleicht pflegten wir eine Art Augenblicksehrlichkeit, rätselte ich, die so flüchtig war wie Luft in Wasser. Das Tagesgeschäft erfordere Kompromissbereitschaft.
Natürlich gebe es die Kungelei auch bei uns, aber die überwiegende Zahl der Abgeordneten folge ihrem Gewissen.
Eleni hielt mir einen Löffel unter die Nase.
“Hier, probier mal”, bat sie mich.
Ich leckte den Löffel ab. Sofort schmeckte ich es: Chili, jede Menge.
“Huh”, keuchte ich und wedelte mit der Hand vor dem Mund. “Das ist viel zu scharf.”
Eleni warf einen rasschen Blick in das Kochbuch. “Womöglich ist das die Lösung des Problems.”
‘Was?’, fragte ich irritiert. “Das Gemüse?”
Sie lachte. “Ich habe es genau nach Rezept gemacht”, sagte sie. “Und vielleicht ist es bei euch genauso. Ihr glaubt, den Leuten etwas Gutes zu tun mit euren Gesetzen, aer ihr probiert nicht selbst aus, was ihr da so anrichtet.”

Was die Politik so anrichtet, davon bekommt Martina Werknicke nun einen sehr genauen Eindruck, während auch die Intrigenspiele der Macht sie immer wieder einholen wollen.
Es ist spannend zu verfolgen, wie sie in all den Anforderungen, die an ihr zerren, allmählich lernt, erst einmal herauszufinden, was sie eigentlich will.
Claudia Breitsprecher hat einen nahe gehenden Roman um hochaktuelle Themen der Politik und ihren Auswirkungen zu schreiben, der auch noch nach dem Lesen viel Stoff zum Nachdenken bietet.