Rezensionen (AV)
Hier findet Ihr Besprechungen von Publikationen von Mitfrauen der Autorinnenvereinigung Deutschland.
º Gedichte die einladen ins Leben
Montag, 01.08.2011„Ich will glauben es sei Sommer“ Gedichte von Therese Chromik
rezensiert von Sylvia Tornau
Schon im Titel gesteht die Autorin einen gnadenlosen Optimismus. Durch einen wohlwollenden Glauben, bei aller Realitätsnähe der Texte, erschließt sich die Melancholie und Härte des Lebens in Lebensmut und Neugier. Und genau dies macht die Gedichte von Therese Chromik so lebensmild und berührend wie eine sternenklare Sommernacht.
Dabei sind es vordergründig nicht die großen Themen die die Autorin in ihren Texten verarbeitet, sondern es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die ausgelotet, abgewogen und betrachtet werden. Ganz nebenbei eingebettet in den Kosmos von Literatur, Philosophie und Moderne. Sprachlich virtuos und jedes Wort mit Bedacht gesetzt und dabei nie abrutschend ins Sprachlose oder Übermächtige. Jeder Text eine kleine Entdeckung. Manchmal absurd, manchmal ins Schwarze treffend und dabei immer präzise in ihren Bildern nimmt die Autorin ihre LeserInnen mit auf eine Reise ins Bekannte und ebnet mit ihren Sprache den Weg für einen neuen Blick darauf.
In mehreren Gedichten geht es um das Thema Schreiben. Um die Suche nach Worten, nach dem einen, dem richtigen Wort und es geht um das von den Worten gefunden werden. So z.B. in „Herzklappentext“, „Ermunterung“ oder in „Ermittlungen“ – hier fordert die Autorin gar ein Wort auf, sein Alibi zu überprüfen. Die Autorin gibt eine eindringliche Beschreibung der Textarbeit, der Wortklauberei und setzt sich dabei ironisch mit dem modernen Management der Sprache auseinander, z.B. in „Normierung“ und gipfelt angesichts all der modernen lyrischen Verbote im Gedicht „Werkstattgespräch“.
„… Der Mond darf nicht mehr aufgehen
in deinem Gedicht.
Kauf eine Halogenlampe
für deinen Vers.“ (S.63)
Neben den in Naturbetrachtungen eingebundenen, archaisch anmutenden Überlegungen zu männlichen und weiblichen Lebensquellen, fast vergessen wie z.B. in den Gedichten „Schilfrohr“, „Kornmuhme“ und „Garten der Erde“, neben den Landschaftsbetrachtungen und Ortsbeschreibungen bildet das Thema Herkunft (Kindheit und Vertreibung) einen weiteren Schwerpunkt in diesem Gedichtband. Da geht es um die Spurensuche im Text „Kindheit“ und um das Besinnen auf das Eigentliche des Lebens, das Sein und Vergehen und das immer wieder Innehalten, wie z.B. im Gedicht „Entsagungstag“. Hier feiert das Poetische Ich einen beneidenswerten Geburtstag mit seinen verschiedenen Anteilen.
„…der Tag, an dem
mich keiner stört
und wir miteinander
endlich reden können,
ich und ich.“ (S.79)
Ein erster Schritt zur Annäherung an das eigene Innehalten, zum Hinhören zur Lebensstimme könnte das Lesen dieser Gedichte sein.
Dieser Gedichtband ist ein Kleinod moderner Lyrik. Unbedingt empfehlenswert, nicht nur an verregneten Sommertagen.
Therese Chromik: Ich will glauben es sei Sommer. Gedichte. Verlag Ralf Liebe, 2010, 112 Seiten, 20 €
º Spannung mal anders
Samstag, 04.06.2011Renate Härtl „Bei Liebe Tod“
rezensiert von Sylvia Tornau
Ein ungewöhnliches Buch hat Renate Härtl hier vorgelegt. Der Umschlagtext verspricht einen “hochspannenden Thriller – so lebendig wie ein Drehbuch“, die Aufteilung in 86 Bilder erinnert an die Akte eines Theaterstückes.
Inhaltlich geht es um nichts Geringeres, als um das Überleben in den Städten des reichen Westens. Es geht um Beziehungen, Vertrauen, Liebe oder eben um die Unfähigkeiten zu lieben, zu vertrauen, sich zu binden. Es geht um Drogen, Geld und Machtmissbrauch und es geht, wie sollte es bei einem Thriller anders sein, um Mord und andere Todesfälle.
Die Figuren stehen gleichwertig nebeneinander. Einzig Lily ist als Hauptfigur erkennbar, vor allem dadurch, dass sie in mindestens 53 der 86 Bilder direkt oder indirekt eine Rolle spielt.
Die Figuren in diesem Buch verstören. Keine ist wirklich ein Sympathieträger, keine ein wirklich böser Schurke. Alle sind wie sie sind, was sie sind. Wobei letzteres nicht immer klar ist. Renate Härtl psychologisiert nicht, sie zeigt. Der Text gleicht den Bildbeschreibungen von Fotografien, auf denen immer die gleichen Menschen in verschiedenen Posen, Zusammenhängen zu sehen sind. Das lässt den Text ein wenig unterkühlt wirken und erzeugt gleichzeitig eine fast unerträgliche Spannung.
Betrachtete man ein Fotoalbum, so wäre die Wirkung eine ähnliche. Mit wem steht X da? Was für eine Rolle spielt der verschwommene Mann im Hintergrund? Lächelt er? Warum?
So sehr wie ein Fotoalbum die Beantwortung dieser Fragen der Phantasie der Betrachterin überlässt, so sehr überlässt Renate Härtl die Beantwortung auftretender Fragen der Phantasie der Leserin. Das macht dieses Buch so ungewöhnlich und spannend.
Sicher ist „Bei Liebe Tod“ keine leichte Kost für geübte Leserinnen der heute marktüblichen, psychologisierenden Thriller, aber es ist eine Entdeckung für alle, die literarischen Experimenten gegenüber offen sind und sich gern überraschen lassen.
Renate Härtl: Bei Liebe Tod. Athene Media Verlag, 2011, 12,95 €
º Was wäre wenn…
Freitag, 18.03.2011Literarische Aufstellungen mit Christoph Altmann, ein Erlebnisbericht von Michèle Minelli
Was wäre, wenn Sie Ihre Figuren einfach so für fünf oder fünfzehn Minuten zum Leben erwecken könnten? Was wäre, wenn Sie ihnen in Natura begegnen könnten, ihren Blickwinkel einnehmen und ihre Körpersprache studieren könnten? Was, wenn sie zu Ihnen sprächen?
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º „Der zugang ist gelegt – gedichte & fließtexte“ von Bärbel Klässner
Dienstag, 02.06.2009rezensiert von Sylvia Tornau
Der Titel „Der zugang ist gelegt“ von Bärbel Klässner ließe sich auch übersetzen als ein Willkommen im Leben. Das hier beschriebene Leben ist mal bunt, mal grau, mal blau, violett, türkis, blutrot. Mal ist es neblig, mal macht es Pickel. Vor allem macht es nicht halt. Vor keinem Thema scheut diese wortzersetzende, fabulierwütige Autorin zurück. Mal mit Humor und mal mit Wehmut, aber immer mit der lustvollen Wortgewalt einer Vollblutlyrikerin zwingt Bärbel Klässner die LeserInnen ihr zu folgen. Augenzwinkernd und mit Worten prügelnd lockt sie uns ins fette Leben. Lesen Sie weiter.. »
º „Blauer Garten“ Anthologie zum 3. ALFA-Wettbewerb
Donnerstag, 26.02.2009Rezension von Sylvia Tornau
Anthos bedeutet im Griechischen „Blüte“. Eine Anthologie ist nach Meyers Lexikon die Blütenlese, eine Sammlung thematisch ausgewählter Gedichte, Sprüche und kurzer Prosastücke. Die Blüten dieser Anthologie sind allesamt blau. Ich stelle mir beim Lesen eine Kette vor, eine Kette mit blauen Blüten aus unterschiedlichen Materialien. Da finden sich Plastikblüten, neben Holzblumen, Schaumkorallen und Türkise neben Achat und Sodalith. Eine Kette, nicht nach jedermanns Geschmack in der Aneinanderreihung von Formen und Materialien unterschiedlicher Bearbeitungsstände. Lesen Sie weiter.. »
º Ina Dentler: „Im Schatten der Schwester“
Donnerstag, 26.02.2009Rezension von Sylvia Tornau Ich bin Dein Vergissmeinnicht
In Ina Dentlers Roman „Im Schatten der Schwester“ scheint sich auf den ersten Blick alles um Berti, die Schwester der Protagonistin Ellen, zu drehen. Berti, die sich aus dem Leben schlich, geliebt als Kind von Schwester und Eltern, sich dem Leben verweigerte, dem sie sich durch Magersucht entzog. Eine Sucht, die unerkannt und verschwiegen unweigerlich mit dem Tod endete. Berti, die im Leben der Schwester immer wieder als Schatten auftaucht. Ein Vergissmeinnicht. Lesen Sie weiter.. »
º Bille Haag: „Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam“
Donnerstag, 26.02.2009Rezension von Sylvia Tornau von Einem der auszog um davonzufahren
In Bille Haags Erstling „Der Abfahrer und wie ihm das Leben entgegenkam“ dreht sich alles um den Protagonisten Alfred Zarteck. Ein Fünfzigjähriger der das Image des Steppenwolfs, des Easy Rider pflegt, einer der verstanden, entdeckt werden will. Der keine Freunde hat, weil er die Menschen in seinem Umfeld benutzt für seine Stimmungen, seine Ideen, zum Auffüllen seiner Leerläufe. So wie Uta und Klaus, die ihm immer zur Verfügung stehen, ihm Obdach gewähren, wenn er sich wieder einmal verlaufen hat im eigenen Leben, im Schmollen, im sich Ungerecht-Behandelt-Fühlen. Denen es nur unter größter Kraftanstrengung gelingt, ihm ein kleines Nein entgegenzusetzen. Lesen Sie weiter.. »